Vorabveröffentlichung:
Abstract zu meinem Vortrag auf dem conhIT Kongress 2010 in Berlin
Das Arzneimittelsortiment einer Krankenhausapotheke unterliegt ebenso einem stetigen Wandel, wie sich der Personenkreis der Anwender durch die Personalfluktuation in der Klinik permanent verändert. Um die optimale Sicherheit der Patienten zu gewährleisten und den hohen Qualitätsansprüchen an die Medikationsprozesse im Krankenhaus gerecht zu werden, benötigt das klinische Personal stets aktuelle pharmakologische Fachinformationen über das eingesetzte Arzneimittelportfolio. Diese Informationen liegen idealer Weise Patienten- und Fallkontextbezogen in der digitalen Patientenakte vor, die von Ärzten, Pflegepersonal und den Apothekern des Hauses eingesehen werden kann. Die Daten sind natürlich am point of care von großer Relevanz, die Krankenhausapotheke kann mit einem solchen System aber die Klinik auch bei Bedarf remote mit Rat und Tat bei der individuellen Therapie unterstützen. Ein neues Kapitel in der interprofessionellen Zusammenarbeit zum Wohle der Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Nutzen entsteht aber auch ohne Apothekersupport unmittelbar in der Klinik: Allein eine digitale Verordnung ohne jede weitere Programmlogik verhindert bereits 50% aller Medikationsfehler und damit mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen, die auf Übertragungs-, Lese- und Interpretationsfehler der ursprünglichen Verordnung zurückgehen.
Der erste Schritt in Sachen Medikation besteht bei der stationären Aufnahme der Patienten in der Dokumentation der Medikationsanamnese. Gleich zu Beginn der Hospitalisation steht dann die Umstellung der häuslichen Medikation auf die stationäre medikamentöse Therapie an. Oft ist diese ein Mix aus Selbstmedikation und Verordnungen unterschiedlicher niedergelassener Ärzte, die im Zweifel voneinander und von ihren Verordnungen nichts wissen. Sind unerwünschte Arzneimittelwirkungen (z.B. Interaktionen der Medikamente untereinander) der Grund für die Notwendigkeit der Hospitalisation, weil der Patient unwissentlich einen gefährlichen Chemikalien-Cocktail zu sich nimmt? Waren alle Medikamente indiziert? Sind sie es auch weiterhin während der Hospitalisation? Müssen zusätzliche Arzneimittel zur Therapie eingesetzt werden? Wie interagieren diese mit den vorbestehenden Verordnungen? Der Klinikcomputer unterstützt bei der Beantwortung all dieser und der folgenden Fragen.
Nach Prüfen der Interaktionen geht es an die Prüfung der Indikationen: Gibt es zu allen Medikamenten eine Diagnose, welche die Indikationen für die verordneten Arzneimittel darstellen? Wenn nein: Fehlt die Diagnosedokumentation noch, oder ist die Gabe einzelner Arzneimittel nicht angezeigt? Ein weiterer Schritt besteht schließlich darin, von Messwerten abhängige Arzneimittelgaben an die tatsächliche Situation des Patienten anzupassen. Hier spielen häufig Nieren- und Leberparameter, oder auch beispielsweise die Elektrolytkonzentration im Blut eine Rolle. Sind diese im klinischen Informationssystem vorhanden, können sie zur Beurteilung herangezogen werden.
Wichtig ist, dass alle Arzneimittel in einem elektronischen System hausweit jeweils nur in einer einzigen Einheit verordnet werden können dürfen. Ob Tablette, Tropfen, Stück, Milligramm oder Milliliter: Eine erhebliche Fehlerquelle verschwindet, wenn immer in derselben Einheit verordnet wird. Aus demselben Grund sollten auch die zulässigen Applikationswege eingeschränkt, das heisst ‘eineindeutig’ definiert sein, wie die Informatiker sagen.
Zum Abschluss der Hospitalisation soll dem Arzt eine Entscheidungshilfe gegeben werden, welche Arzneimittel der Patient zu Hause weiter nehmen soll. Hierbei ist hilfreich, wenn bei entsprechender Indikation auf die ursprünglichen Präparate, die vor dem Klinikaufenthalt eingenommen wurden, wieder zur poststationären Einnahme verordnet werden.
Die hier skizzierte Lösung wird bereits im Kantonsspital Baden / Schweiz eingesetzt. Die weiteren Stufen des Projektes, dass durch den Referenten Guido Burkhardt geleitet wird, sollen bis Mitte 2011 abgeschlossen werden. In dem Praxisbericht anlässlich des conhIT Kongresses 2010 kann auf eine inzwischen vierjährige Bearbeitung des Themas, und auf eine zweijährige Projektzeit zurückgeschaut werden.
Die eingesetzten Lösungen stammen von den Firmen ID Berlin (Indikationsprüfungen und Interaktionschecks), Nexus (KIS/EPA System), Data Dynamic (Warenwirtschaft mit Hauskatalog) sowie e-mediat (Arzneimittelkatalog mit Fachinformationen). Die Integrationstiefe wird fortlaufend im Projekt verstärkt.
