
An einem 100-Kilometer-Lauf teilzunehmen gehört wohl zu den verrücktesten Dingen, die man überhaupt so unternehmen kann. Ich habe genau das von Freitag auf Samstag der vergangenen Woche gemacht. Hier der Bericht.
Nach einem Mittagsschläfchen bin ich Freitag, den 17. Juni 2011 gegen 16°° Uhr von Hänner nach Biel gefahren – eine Strecke von ziemlich genau 100 Kilometern. Ganz schön weit! Um 22°° Uhr würde gestartet werden. Mein Ziel war nach Absolvierung der 100 KM Strecke gegen 16°° Uhr am Folgetag wieder in Biel zu sein. Die Wettervorhersage war mehr als bedenklich. Es waren ergiebige Starkregenfälle vorausgesagt. Glücklicherweise hatte ich noch am Mittag eine wasserdichte Sporthose ergattern können. Auf der Anreise nach Biel zerschlug sich die Hoffnung es würde vielleicht doch nicht regnen. Seit ich durch Basel fuhr goss es in Strömen.
Es wurde 22°° Uhr. Nun stand ich also am Start. Nachdem die Läuferschar einen Countdown runter gezählt hatte, setzte sich der Pulk in Bewegung. Durch eine jubelnde Menschenmasse ging es durch die nächtlichen Strassen von Biel. Der erste Kilometer konnte trocken zurückgelegt werden.
Dann begann es zu regnen. Ein kräftiger Schauer! Schon kurz hinter der City von Biel begann bei Kilometer 7 der erste Anstieg der Strecke. Geplant war, so lange wie möglich jeden Kilometer in 8,3 Minuten zu schaffen und auch am Berg genau dieses Tempo zu halten. Das -gemessen mit iPhone GPS Navigation- gelang. Bei Kilometer 10 war der erste Berg bezwungen. Die Zeit stimmte. Zwar wollte ich keinen Geschwindigkeitsrekord aufstellen und hatte auch sonst keine Zeitziele. Jedoch schlossen die Kontrollposten auf der Strecke irgendwann und man musste sie vorher passiert haben. Etwas Eile war also schon geboten. Leider hatte es bis jetzt so stark geregnet, dass Schuhe und Socken – und damit dann auch die Füsse – bereits nass waren. Wohl dem, der nun auf ein Begleitfahrzeug mit trockenen Socken zurückgreifen konnte. Das war bei mir nicht der Fall. Ich musste noch 46 Kilometer durchhalten. Bei Kilometer 56 würde mich meine Tasche mit frischen Sachen erwarten, die der Veranstalter bis dann nach dort für mich transportiert haben würde.
In nassen Socken ging es also weiter. Bei Kilometer 17 passierten wir das mittelalterliche Aarberg. Der Ort war, mal von den Läufern und Offiziellen abgesehen, wie ausgestorben. Wer stellt sich auch schon bei Starkregen auf die Strasse und guckt einer Schar einiger hundert Verrückter beim Laufen zu? Auf der gedeckten mittelalterlichen Holzbrücke gab es dann doch Zuschauer, die uns mitleidsvoll anfeuerten.

Am Verpflegungsposten Ammerzwil wurden bereits geschälte Bananen gereicht. Die Helferinnen trugen sie auf Tabletts durch den Regen und priesen sie als Wasserbananen an. Wasserbananen…! Wasserbananen…! Darüber hab ich noch kilometerweit innerlich gelacht. Ein surreales Bild, diese nassen Mädels mit den nassen, glitischig-klebrigen Bananen.
Von Kilometer 22 bis 29 war die nächste Steigung zu überwinden bevor es anschliessend bis Kilometer 41 stetig leicht bergab ging. Durch fortgesetzten Regen und vollkommene Dunkelheit trotz Vollmond-naher, aber Wolken verhangener Nacht war das trotzdem nicht entspannend. Ich hielt an um ein kleines Steinchen aus dem Socken zu entfernen, dass sich dahin vorgearbeitet zu haben schien.

Doch es war kein Steinchen zu finden. Vielmehr kündigte sich am rechten Fuss die erste Blase an. Ganz klein erst mal. Der nächste Sanitätsposten war aber nicht weit und so liess ich das beginnende Übel mit einer Compeed® Platte versorgen. Es ging weiter. Keine Probleme mehr zunächst.
Überhaupt bereitete das Laufen keinerlei Schwierigkeiten. Konditionell war ich gut vorbereitet. Es gab weder Muskelkater, noch Verspannungen. Keine Gelenkschmerzen, keine sonstigen Probleme. Leider hielt diese Situation nicht mehr lange an. Es kündigten sich in den nassen Schuhen bei fortgesetztem Regen weitere Blasen an. Um die Schmerzen, welche diese verursachten, weniger zu spüren, begann ich etwas unrund zu laufen. Die Schonhaltung führte aber bald zu Schmerzen in den Waden und musste wieder aufgegeben werden. Die Blasen wuchsen weiter. Platzen sie, so machte sich das durch einen kurzen brennend-stechenden Schmerz bemerkbar. Danach war dann aber wieder erst einmal Ruhe. Kein Duck, kaum Schmerz.

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Bei Erreichen des 50 Kilometer Schildes war nicht nur die Freude über das Bezwingen der Hälfte der Gesamtstrecke gross. Schliesslich war alles, was nun vor mir lag kürzer als das, was schon hinter mir gelegen hatte. Wichtiger aber war, dass in nur 6 Kilometer Entfernung der Posten Kirchberg kommen würde – und dort warteten meine trockenen Sachen. Ich hatte komplette Wechselwäsche dabei, würde aber nur die Socken benötigen und das Laufshirt wechseln. Mc Kinley® Hose und Marmot® Jacke waren 100% wasserdicht.
Beim Kilometerschild ‘55′ war Holland in Not. Jetzt konnte ich wirklich nicht mehr warten, die Füsse chirurgisch behandeln zu lassen. Noch ein Kilometer bis zum Sanitätsposten und zu trockenen Socken. Nach 9 Stunden, 19 Minuten und 28 Sekunden passierte ich beim ersehnten Posten Kirchberg die 56-Kilometer-Zeitmessung. Jetzt erst mal zum Arzt. Es waren inzwischen 5 Blasen zu behandeln – zwei davon noch prall gefüllt mit seröser Flüssigkeit. Die mussten zuerst eröffnet werden. An den Blasen, die spontan geplatzt waren, hatten sich aus den ehemaligen Flüssigkeitstaschen Hautfalten gebildet. Nach kurzer Beratung mit dem Arzt entschieden wir, diese abzutragen. Skalpell, Tupfter… Danach wurde alles wieder mit Compeed® Platten gedeckt. Die ganze Aktion hat eine Dreiviertelstunde gedauert. Es gab keine medizinischen Einwände den Lauf fortzusetzen. Im Bunker der örtlichen Zivilschutzanlage fand ich im Vorraum der Toiletten/Duschen zwei Körpertrockner, die ich zu Schuhtrocknern umfunktionierte. Nun hatte ich frisch versorgte Füsse, trockene Socken und sogar rapeltrockene Schuhe. Super.
Als ich wieder aus dem Keller kletterte erwartete mich neuer Starkregen. Ein Sommergewitter ist ein Klacks dagegen. So blieb ich noch für einige Zeit unter der schützenden Vorhalle sitzen, wo der Verpflegungsposten aufgebaut war. Alle paar Kilometer hatte der Veranstalter solche Posten eingerichtet. So brauchte man als Läufer keine Verpflegung mit sich führen. Alles Gewicht…

Das Warten brachte nichts. Der Regen liess nicht nach. Ich musste weiter. 5 Kilometer später waren Schuhe und Socken wieder nass. Zu allem Übel wurde dann auch noch die Strecke ekelhaft. Etwa 3/4 der gesamten Strecke waren asphaltiert. Die Abschnitte mit dem schlechtesten Untergrund, der Veranstalter sagt verniedlichend “Naturwege”, lagen jetzt zwischen dem eben passierten Posten Kirchberg (KM 56) und dem nächsten Posten “Gerlafingen” bei Kilometer 67 vor mir. Es ging über einen elendig langen Hochwasserschutz-Damm im Wald und danach entlang des Ufers der Emme. Ich glaube sogar die Römer haben vor 2000 Jahren schon glattere Wege gebaut, als die Berner es hier heutzutage schafften.
Der Posten Gerlafingen hatte freundlicherweise eine Biertischgarnitur im Regen stehen, sodass ich mich einige Minuten hinsetzten und die Holperstrecke verdauen konnte. Mit den wasserdichten Sachen war das kein Problem und die wasserundichten Füsse waren ja unter dem Tisch vor neuer Nässe geschützt. Mit Wiederaufnahme des Weges war dieser Schutz dahin und so schwante mir allmählich, dass das Vorhaben scheitern könnte und ich eventuell nicht ankommen würde.
Inzwischen waren auch die Handschuhe nass und so bildete sich auch in der linken Hand eine kleine Blase. Glücklicherweise blieb sie die Einzige und sie wuchs auch nicht zu einem grotesken Riesending, wie diejenigen an den Füssen.
Nach Gerlafingen ging es 10 Kilometer bergauf. Nach dem Holperweg zuvor war das eine wahre Wohltat, besonders nachdem der Waldweg irgendwann wieder in einen asphaltierten Weg überging. Geradeaus laufen ist für mich auf Dauer viel anstrengender als bergauf. Am schlimmsten ist es allerdings über längere Zeit bergab zu müssen!

Nach dem 10-Kilometer Bergauf-Lauf bei Kilometer 76,5 in Bibern angekommen, verpflegte ich mich mit einem Apfel und sah zuversichtlich dem nächsten Anstieg entgegen, der es in sich haben würde. Doch siehe da: auch dieser Berg, der 100 Höhenmeter auf 1 KM Strecke überwindet, war gut zu meistern. Der folgende Abstieg allerdings, war die Hölle. Ich verlor rund 20 Plätze durch mich überholende Läufer, die inzwischen als Spaziergänger unterwegs waren. Mein Fussblasensituation liess kein höheres Tempo zu. Vor mir lagen noch 20 Kilometer quasi gerader Strecke bis zum Ziel. Alle Berge waren genommen. Der schwierige Teil der Strecke bezwungen. Die Herzfrequenz lag im Bereich des Ruhepulses. Es hatte sich kein Hunger-Ast eingestellt – meine Verpflegungs- und Flüssigkeitsstrategie hatte funktioniert!
Ich setzte mich beim Abstieg bei jeder Gelegenheit alle paar hundert Meter hin um Kräfte zu sammeln und mir darüber klar zu werden, dass Aufgeben eine Option sein müsse. Ein gruseliger Gedanke, denn ich war körperlich fit. Nur füsslich eben nicht, was bei der noch bevorstehenden Strecke aber nicht ganz unwichtig war.
Die Insassen der immer mal wieder vorbeifahrenden Fahrzeuge des Veranstalters hatten mich schon ins Visier genommen. Aber noch war ich nicht bereit, eine HILFE- Geste zu gesten. Ich wollte nun noch das 80-Kilometer-Schild erreichen. Kilometer 76,5 hatte ich nach 14 Stunden, 49 Minuten und 45 Sekunden überschritten. Das war die letzte Zeitmessung auf der Strecke vor dem Ziel.
Das 80-Kilometer Schild erreichte ich um Punkt 14:00 Uhr nach 16 Stunden. Für die letzten 3,5 Kilometer hatte ich also 70 Minuten gebraucht. Zu Beginn des Laufes waren es 29 Minuten für diese Strecke gewesen. Wenn ich nun in diesem Tempo weiter ginge -und schneller ging’s nicht mehr-, würde ich noch 400 Minuten oder über sechseinhalb Stunden bis zum Ziel brauchen. Ich käme also nach halb neun an. Zielschluss war aber um 19°° Uhr. Keine Chance mehr zumal noch gar nicht ausgemacht war, dass ich mein aktuelles “Tempo” wirklich bis zum Ziel würde halten können.
Vis a vis des 80 KM Schildes gab es ein kleines Mäuerchen. Ich setzte mich und wartete 10 Minuten bis ein Streckenfahrzeug vorbeikam. Ein Pannenhilfe Wagen. Passt ja. Er hielt an, setzte seine gelben Rundumlichter in Gang und liess mich einsteigen. Im Ort Arch, in dem ich nun war, gab es einen Verpflegungsposten zu dem mich der Pannenhelfer brachte. Dessen Chef wiederum bestellte für mich einen Truppentransporter des Schweizer Militärs, der gestrandete Läufer aufnahm und nach Biel brachte. Ich wartete eine Stunde auf den Transport, was wegen der nun zunehmenden Müdigkeit und eines inzwischen beginnenden Muskelkaters sowie zunehmender posttraumatischer Schwellungen der Füsse nicht ganz einfach war. Während der Fahrt merkte ich, dass ich nicht mehr ins Zelt würde gehen können um mich abzumelden und meine Urkunde und mein T-Shirt abzuholen. Natürlich bekäme ich eine Urkunde. Alles, was weiter als 42 Komma irgendwas Kilometer ist, hat schliesslich Ultra-Marathon Format!
In Biel angekommen kroch ich in den bereitliegenden Schlafsack im Auto und machte ein Nickerchen. Gegen 19°° Uhr fuhr ich nach Hause. Gas geben und bremsen konnte ich mit dem unbeschädigten dicken Zeh rechts. Kuppeln brauche ich nicht dank Automatik. Auf der Autobahn konnte ich mit Tempomat und somit “ohne Füsse” fahren. In der Erwartung, dass ich vorerst nachhaltig behindert sein und mich nicht verpflegen können würde, ass ich ein Menü beim Mäcces am Schalter.
Zu Hause angekommen parkte ich das Auto so, dass ich mich auf die Fahrertüre gestützt zur Haustüre und von dort zum Sofa hangeln konnte. Da liege ich jetzt seit zwei Tagen und weiss noch nicht, wann ich wieder aufstehen kann. Die Walkingstöcke habe ich auf einen Meter Länge eingestellt und nutze sie nun als Krücken um gelegentlich zur Toilette zu gelangen. Links habe ich nun -bedingt durch eine dezente Schwellung- Schuhgrösse 57. Rechts ein schmerzendes Knie. Beide Füsse sind offen. Das Blöde ist, dass man sich mit derartigen Verletzungen liegend nicht mal selber drehen kann.
Übrigens: Während des Laufes habe ich unglaublicherweise meine Platzierung um 23 Plätze verbessert. Vermutlich wohl deswegen, weil andere früher aufgaben. Bei Kilometer 38,0 lag ich in meiner Kategorie auf Platz 219, bei Kilometer 56 auf Platz 211 und bei Kilometer 76,5 auf Platz 196.
Was mich nun umtreibt ist die Frage, ob ich nächstes Jahr wieder so verrückt sein werde, dieses Abenteuer mitzumachen. Wenn es trocken ist, müsste ich ja eigentlich die 100 Kilometer schaffen!?

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